In Italien gehen jedes Jahr Hunderte Lawinen ab. In der Saison 2024/25 rückte die italienische Bergrettung (Corpo Nazionale Soccorso Alpino) zu über 200 Lawinenunfällen aus, mehrere Menschen kamen ums Leben. Vorbeugung ist entscheidend: Wer Gefahren kennt, erkennt und richtig reagiert, kann Leben retten.
Die Lawinengefahrenstufen
AINEVA, der Verbund der italienischen Lawinenwarndienste, veröffentlicht täglich den Lawinenlagebericht mit der europäischen Gefahrenskala:
| Stufe | Bezeichnung | Schneedeckenstabilität | Auslösewahrscheinlichkeit |
|---|---|---|---|
| 1 | Gering | Allgemein gut verfestigt | Nur bei großer Zusatzbelastung an extremen Steilhängen |
| 2 | Mäßig | Mäßig verfestigt | Bei großer Zusatzbelastung an den angegebenen Steilhängen |
| 3 | Erheblich | An vielen Hängen mäßig bis schwach verfestigt | Schon bei geringer Zusatzbelastung |
| 4 | Groß | An den meisten Hängen schwach verfestigt | Wahrscheinlich, auch spontan |
| 5 | Sehr groß | Schneedecke allgemein instabil | Spontan sehr wahrscheinlich |
Achtung: Stufe 3 „erheblich“ ist die tückischste. Statistisch passieren bei Stufe 3 die meisten tödlichen Unfälle, weil viele Skifahrer sie unterschätzen.
Die Notfallausrüstung, die immer dabei sein muss
Wer Freeride fährt, muss immer die Notfallausrüstung aus drei Teilen dabeihaben:
LVS-Gerät (in Italien ARTVA)
Das LVS-Gerät (Lawinenverschütteten-Suchgerät) sendet und empfängt ein Funksignal auf 457 kHz und macht verschüttete Personen auffindbar:
- Unter der Kleidung tragen, eingeschaltet im Sendemodus
- Nach einem Unfall auf Suchen umschalten, um Verschüttete zu orten
- Suchbereich: 40-80 m, je nach Modell
- Vor jeder Tour die Batterien prüfen
- Digitale Geräte mit 3 Antennen sind am wirksamsten
Lawinenschaufel
Eine robuste und leichte Schaufel ist zum Ausgraben unverzichtbar:
- Aus Aluminium, mit Teleskopstiel
- Um eine Person aus 1 Meter Tiefe auszugraben, brauchen Sie mindestens 10 Minuten
- Mit Schaufel graben Sie etwa zehnmal schneller als mit bloßen Händen
Lawinensonde
Ein zusammensteckbarer Stab (2,5-3 m), mit dem Sie die verschüttete Person genau orten:
- Kommt nach der Ortung mit dem LVS-Gerät zum Einsatz, um die genaue Stelle zu finden
- Senkrecht und in regelmäßigen Abständen in den Schnee stechen
- Spüren Sie einen anderen Widerstand als Schnee, haben Sie die Person gefunden
Lawinenairbag (empfohlen)
Ein Airbag-Rucksack ist nicht vorgeschrieben, aber sehr empfehlenswert:
- Bei einem Lawinenabgang bläst sich ein Ballon auf, der Sie an der Oberfläche hält
- Senkt das Risiko einer Ganzverschüttung um 50 %
- Kosten: 500-900 €, mit Gaskartusche oder elektrischem Gebläse
So schätzen Sie das Risiko ein
Die 5 Faktoren
Prüfen Sie vor jeder Abfahrt im freien Gelände:
- Lawinenlagebericht des Tages (auf aineva.it)
- Hangneigung: Lawinen lösen sich vor allem zwischen 30° und 45°
- Exposition: Nordhänge sammeln mehr Schnee und halten ihn länger
- Höhe: Oberhalb der Waldgrenze steigt das Risiko
- Die letzten 48 Stunden: Neuschnee, Wind und Temperatur
Alarmzeichen
Achten Sie im Gelände auf:
- „Wumm“-Geräusche: Die Schneedecke setzt sich hörbar unter Ihnen
- Risse im Schnee: sichtbare Brüche in der Schneedecke
- Frische Lawinen: ein Zeichen für instabile Verhältnisse
- Wechten: vom Wind verfrachtete Schneeüberhänge an Graten
- Schneebretter: eine harte, kompakte Schicht über schwachen Schichten (gefährlicher als Pulverschnee)
Wenn eine Lawine abgeht
Wenn Sie selbst erfasst werden
- Versuchen Sie, seitlich aus der Lawine herauszufahren
- Wenn das nicht geht, befreien Sie sich von Ski und Stöcken
- Versuchen Sie, mit Schwimmbewegungen an der Oberfläche zu bleiben
- Wenn die Lawine langsamer wird, schaffen Sie mit den Armen einen Atemraum vor dem Gesicht
- Wenn Sie liegen bleiben, sparen Sie Kraft und bleiben Sie ruhig
Wenn Ihr Begleiter erfasst wird
- Merken Sie sich die Verschwindestelle (den Punkt, an dem Sie ihn zuletzt gesehen haben)
- Rufen Sie sofort die 112 an
- Schalten Sie Ihr LVS-Gerät auf Suchen
- Suchen: Folgen Sie dem Signal nach den Anzeigen des Geräts
- Sondieren: Orten Sie die verschüttete Person genau
- Schaufeln: Beginnen Sie talseitig unterhalb der Sondierstelle zu graben
Entscheidend: 93 % der Verschütteten überleben, wenn sie innerhalb von 15 Minuten befreit werden. Nach 35 Minuten sinkt die Überlebenschance unter 30 %. Die Kameradenrettung ist fast immer schneller als die professionellen Retter.
Lawinenkurse
In Italien bieten der CAI (Club Alpino Italiano) und die Bergführer strukturierte Kurse an:
- Grundkurs (1-2 Tage): Umgang mit dem LVS-Gerät, Lesen des Lawinenlageberichts, praktische Übungen
- Aufbaukurs (3-5 Tage): Schneedeckenbeurteilung, Tourenplanung, Notfallmanagement
- Jährliche Auffrischung: Übungen zur LVS-Suche, neue Techniken
Richtpreise: 100-250 € für den Grundkurs, 300-500 € für den Aufbaukurs.
Geführtes Freeriden: die besten Skigebiete
In vielen Skigebieten können Sie mit zertifizierten Bergführern abseits der Piste fahren:
- Alagna Valsesia: sehr erfahrene Bergführer am Monte Rosa
- Courmayeur: die Guide di Courmayeur, eine der renommiertesten Bergführergesellschaften Italiens
- Bormio: die Bergführer des Veltlins
- Arabba: Bergführer vor Ort, die die Dolomiten bestens kennen
Aktuelle Schneelage und Lawinensituation: Bergwetter und Live-Webcams.